Eingehüllt in sanftes Sepialicht, mit schattigen Ecken und dem Duft von geröstetem Kaffee und poliertem Holz, ist das Café Sperl eines der stimmungsvollsten Kaffeehäuser Wiens. 1880 von Jacob Ronacher gegründet und später von der Familie Sperl gekauft, entwickelte es sich bald zu einem lebhaften Schmelztiegel und einem regelmäßigen Treffpunkt für Erzherzöge, Künstler, Dichter, Intellektuelle, Revolutionäre und Träumer gleichermaßen.
Das stimmungsvolle, dunkle „Dark Academia“-Interieur, entworfen von Wilhelm Jelinek und Anton Groß, spiegelt die raffinierte Eleganz der Ringstraßen-Cafés wider und ist auch heute noch ein Meisterwerk des altmodischen Charmes.
Tritt durch die alte Tür und du wirst von mahagoniverkleideten Wänden, sanft leuchtenden Kronleuchtern, kunstvollen Parkettböden und Billardtischen voller Zeitungen empfangen. Das Summen der Stadt löst sich auf, während gedämpfte, gemächliche Gespräche durch den Raum schweben und Geschichte aus jeder Ecke sickert. Ich würde dir von Herzen empfehlen, hier einen Nachmittag wie die Einheimischen zu verbringen, bei einem Kaffee und einem Apfelstrudel zu verweilen, Briefe zu schreiben, dich in einem Roman zu verlieren oder einfach dem Treiben zuzusehen.
1895 entstand in diesem Ambiente die „Hagenbund“-Gesellschaft. Sie war ein Künstlerkreis, dessen Ideen dazu beitragen sollten, die „Wiener Secession“ zu entfachen, die Bewegung, die die europäische Kunst neu gestaltete. Josef Maria Olbrich, Josef Hoffmann, Kolo Moser, Max Kurzweil gehörten zu denen, die sich hier versammelten und Visionen skizzierten, die bald mit der Tradition brechen und die Moderne definieren sollten.
In den frühen 1900er Jahren sollen die Erzherzöge Josef Ferdinand und Karl Ferdinand Stammgäste gewesen sein, begleitet von ihrem Stabschef Conrad von Hötzendorf (der nach der Ermordung von Erzherzog Franz Ferdinand 1914 zu den eifrigsten Stimmen gehörte, die zum Krieg aufriefen). Doch trotz solcher politischer und sozialer Gräben hat hier immer das Miteinander geblüht: Militärs neben Bohemiens, Akademiker neben Sängern und Generationen treuer Einheimischer, die sich mühelos mit neugierigen Besuchern vermischen.
Das Café ist bekannt für seinen Apfelstrudel, der oft als einer der besten in Wien gepriesen wird, und nachdem ich ihn probiert habe, kann ich dem nur von Herzen zustimmen! Kombiniere ihn mit einer Melange, dem typisch österreichischen Kaffee, der in einer breiten Tasse serviert wird, sanfter als ein Cappuccino ist und mit aufgeschäumter Milch und einer weichen Schaumkrone gekrönt wird. Die gesamte Speisekarte ist ebenfalls außergewöhnlich und bietet den ganzen Tag über klassische Wiener Gerichte, vom Frühstück bis zum Abendessen.
Einer meiner Lieblingsteile des Cafés war das Trio von Billardtischen, die unter schummrig beleuchteten Kronleuchtern standen und mit Zeitungen aus aller Welt gefüllt waren. Eine Einladung zum Innehalten, Lesen und Nachdenken – eine stille Anspielung auf die Wiener Tradition, Ideen so bedachtsam zu konsumieren wie Kaffee.
Das Café Sperl ist ein lebendiges Archiv für jeden, der sich von Atmosphäre, Nostalgie und den poetischen Ritualen des Alltags angezogen fühlt. Es ist ein Ort zum Lesen, Schreiben, Unterhalten oder einfach nur zum Träumen im warmen Glanz einer Stadt, die die Kunst des Entschleunigens längst gemeistert hat.